Mit zuviel Wein und schwerem Essen, Musik und Nikotinentzug, wandere ich im Duft der Nacht dellierend durch die Räume und halte inne vor den Dingen die beglücken. Eine ganze Sammlung davon, kann wundervoller nicht sein.
Sonntag, 25. Juni 2017
Kabinettstück
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Sonntag, 11. Juni 2017
Hinter der Fassade
Wer mich in meiner Kindheit fragte, was ich denn als Grosser sein möchte, bekam nicht den üblichen Piloten, Schaffner oder Geheimagenten zur Antwort. Ich wollte immer ein Apotheker werden. Wollte Kräuter mörsern, Pillen pressen und wundersame Tinkturen aus den unendlich vielen, geheimnisvoll beschrifteten Fläschchen mischen.
Heute bin ich Grafiker. Nicht dass mich dies schmerzt – auch wenn ich mich immer noch in Tagträumen hinter einem alten Tresen stehend Arzneimittel verkaufen sehe. Nein, meine Berufswahl nenne ich ein notwendiges Übel, denn etwas anderes konnte und kann ich nicht und bin damit zufrieden.
Doch hin und wieder zwingt uns das Schicksal, die Dinge im Leben neu zu ordnen und zu benennen. Bei mir war es das Ende einer Geschäftsbeziehung. Der erzwungene Bruch im Komfortablen und Gewohnten des immer gleichen Alltages. Ich sass an meinem Arbeitsplatz und war plötzlich alleine – alleine in Mitten einer unverhofften Stille mit ungewisser Zukunft. Ich schloss die Augen und suchte mich zu orientieren, Zuversicht und einen Weg zu finden. Und ja, manchmal treten überraschend für nicht lebenstauglich gehaltene Sehnsüchte, strahlend aus dem Schatten des vermeintlich Vergessenen und verschmelzen in spielerischer Leichtigkeit mit der Realität. Vor mir entstand das Bild eines Ateliers, das gleichzeitig zur Apotheke, Werkstatt, Teestube, Opiumhöhle – zum Lesesalon, Kuriositätenkabinett, Museum und Labor wurde. In traumwandlerischer Selbstverständlichkeit, vereinte sich der Grafiker mit dem Arzneimischer hinter dem Tresen. Was bisher unmöglich erschien, wurde nun zum harmonischen Ganzen, einzig Wahren und Logischen. Wir müssen uns nur tagtäglich ehrlich und mutig mit dem umgeben, was uns seit jeher bewegt, für uns steht, uns ausmacht – so kann ein Gestalter auch zum Apotheker werden und eine Veränderung im Leben zur neuen, berauschenden Bühne.
Mein Arbeitsplatz befindet sich nun im Umbau.
Bilder folgen...
Samstag, 10. Dezember 2016
In the cold light of morning...
Ein früher Dezembermorgen. Die letzten Traumbilder der vergangenen Nacht spuken noch im Gedächtnis, werden durch die in den dunklen Winkeln der Stadt nistende Kälte langsam vertrieben. Mein Atem verschmilzt mit dem über den Dächern, Zinnen und Kaminen ruhenden Nebel. Die Gassen erwachen widerwillig in den jungen Tag und strecken müde ihre kopfsteinplasternen Glieder. Hie und da ein tief verhüllter Passant, geräuschlos die Strasse überquerend, nur um sich wieder in den verbliebenen Schatten der Laubengänge aufzulösen. Die Festung der langgezogenen Sandsteinfassaden scheint sich der Geschäftigkeit des nahenden Tages noch grimmig zu wehren. Doch finden die Schritte durch ihre Gemäuer ins Freie, umarmt mich das milchig-kalte Winterlicht eines unbefleckten Morgens und wirft mich zurück in die Stille meiner Schläfrigkeit. Für einen Augenblick werde ich daran erinnert, weshalb ich diese Stadt so liebe.
Altstadt Bern, Münsterplattform, Dezember 2016
Sonntag, 2. Oktober 2016
Ein Lichtblick für Paris
Nein, die französische Hauptstadt hat es mir wahrlich nicht angetan. Sie ist laut, hektisch, arrogant und gibt mir keinerlei Veranlassung in ihrer mondänen Erscheinung auch nur eine Spur der vielgepriesenen Romantik zu finden. Mein – zugegeben – äusserst wählerisches Herz, findet hier keine Ruhe und Geborgenheit um liebende Gefühle zu entwickeln, um freiwillig entlang den Ufern der trüben Seine, durch stinkende Boulevards und staubige Parkanlagen traumzuwandeln. Doch bevor ich diese Stadt gänzlich in Schutt und Asche schreibe, gilt es doch zu bemerken, dass auch die dunkelsten Orte dieser Welt etwas Hoffnung für uns bereit halten. Um Zuflucht zu finden, braucht man nicht in die Katakomben zu steigen oder auf einem der verwahrlosten Friedhöfe etwas Einsamkeit zu suchen. Der «Lichtblick» hat in Paris eine Adresse: Deyrolle, Rue du Bac.
Artikel aus «THE WORLD OF INTERIORS»
Januar 1985 (via «The Snail and the Cyclops»)
Samstag, 28. Mai 2016
Poetische Couture
Es ist immer wieder erstaunlich, wie wild sich unglaubliche Geschichten um einzigartige Objekte zu ranken beginnen, wenn sie in den fruchtbaren Boden sozialer Medien gepflanzt werden. Als ich zufällig auf diese wundervoll geisterhafte Fotografie gestossen bin, fand ich dazu die folgende Bildbeschreibung: «Madam Violet, queen of the notoriously dark Edinburgh vampire hive. She was voted most scary women in the UK twice – in 1882 and 1884». Eine kurze Suche ergab tausende Einträge mit dem selben Wortlaut. Auch wenn die viktorianische Ära viele liebenswert schräge und verstörende Auswüchse hervorgebracht hat – dass eine Papiermaché Figur gleich zweimal zur Angst einflössendsten Frau Britanniens gewählt wurde, erschien mir dann doch etwas verwunderlich. Schade, dass durch wuchernde Gerüchte nur jenen Aufmerksamkeit geschenkt wird, die sie in die Welt gesetzt haben. Die wahren Urheber eines faszinierenden Werkes und ihre kreative Leistung, treten dadurch in den Hintergrund und drohen in Vergessenheit zu geraten.
Christine Elfman, «Storydress II / Cabinet Cards», 2008
Ambrotypie (Kollodium-Nassplatten Negativverfahren), Print auf handgeschöpftem, goldgetöntem Albumpapier, befestigt auf antiker Kabinett-Karte. Abgebildet ist eine durch die Künstlerin gefertigte, lebensgrosse Skulptur aus Papiermaché und Gips. Sie trägt Textausschnitte aus den Memoiren Elfmans Grossmutter als Kleidung.
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Montag, 9. Mai 2016
Die Wunder meiner Kammer
Warum viele Worte verlieren, wenn ein kurzer Beitrag der geliebten, britischen Medien treffender auf den Punkt bringt, was seit meinem halben Leben der Fantasie als traumwandlerischer Antrieb dient? Hier folgt, in zwei Teilen, eine durchaus befriedigende Erklärung warum ich bin wie ich bin. Man sehe und verstehe – danke BBC!
Sonntag, 7. Februar 2016
Fragile Schönheit
Wundervoll, wenn Ästhetik neu interpretiert wird. Fern ab von dem wofür wir sie allgemeingültig halten. Frei nach C.S. Lewis: «Wir möchten nicht nur Schönheit sehen – wir wünschen uns etwas anderes, das kaum in Worte gefasst werden kann. Etwas das mit ihr vereint, uns in sie eindringen lässt. Um in ihr zu baden, um Teil von ihr zu werden.» Es ist die Zutat des Makels – unsere eigene Fremde, unliebsame Erfahrungen, Erinnerungen, Abgründe, unser innerstes Unbehagen – die Schönheit erst faszinierend und anziehend macht. Alles andere wäre nur Kitsch.
Die amerikanische Künstlerin Kate Macdowell schafft es in absoluter Perfektion, diesen Gedanken sichtbar zu machen. Nicht nur durch ihre einzigartige Bildsprache, sondern auch durch die Wahl des Materials: Feinstes Porzellan. In neutralem Weiss, formvollendet, zerbrechlich und zeitlos schön, versöhnt es uns beim Betrachten mit der irritierenden Erkenntnis, dass was wir bis anhin für abstossend gehalten haben auch anziehend wirken kann. Eine Entdeckung die uns auf uns selber zurück wirft und uns die grossartige Chance bietet, das eigene Wertesystem zu überdenken und in eine neue, eigene Vorstellungswelt zu finden. So wird Kreativität geboren.
Mehr von Kate Macdowell
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