Ach, wo fange ich nur an? In diesem Moor wurde ich wiedergeboren. Das liest sich etwas gar pathetisch – ist aber so. Der Schweizer kennt nur die Enge der Alpen und des zersiedelten Mittellandes. Von menschenleerer Weite besitzen wir erst dann eine Vorstellung, wenn wir über den Tellerrand unserer kleinen Heimat blicken. Ich wusste nicht, dass man vor Begeisterung schockiert sein kann. Doch als ich während meines ersten Besuches in der Grafschaft Devon ohne Vorwarnung aus den dichten Hedges in einen endlosen, wolkenverhangenen Horizont gespuckt wurde und ich mich plötzlich in einer kargen aber unwirklich grosszügigen Landschaft wieder fand, war ich augenblicklich der glücklichste Gänsehautträger den die Menschheit bis dahin gesehen hatte. Dieses Moor, mit seinen stachligen Heidekräutern, mannshohen Farnwäldern, bedrohlichen Sumpflöchern und majestätischen «Tors», hat mich auf einen Schlag mir selbst näher gebracht als es mein Bauchnabel jemals sein kann und meinen Kopf von allen Gedanken des Alltages aufs gründlichste befreit. Problembeladene Zeitgenossen sollten auf glücklose Therapieversuche verzichten und stattdessen in das knapp 650 km2 grosse Dartmoor reisen, um hier ihre ersehnte Heilung zu finden oder – wie viele naive Touristen – in ihm auf ewig zu versinken. Dieser Ort ist das beste Beispiel dafür, dass eine unwirtliche Gegend keinenfalls frei von Leben zu sein braucht. Das Dartmoor war bereits in der Bronzezeit «bewohnt». Im heutigen Nationalpark finden sich unzählige Siedlungsspuren, von geheimnisvollen Steinkreisen, über von der Natur zurück eroberte Steinbrüche und Kupferminen, bis hin zu den Grundmauern prähistorischer und mittelalterlicher Dörfer. Daneben weiden Schafe, Pferde, Kühe und Doyles «Hound of the Baskervilles» friedlich und befreit von Zäunen und Abschrankungen, inmitten der scheinbar unendlichen Wildnis. Dies ist der schönste Flecken Erde: Für Wanderer, Abenteurer, Märchenerzähler, Whiskytrinker oder einfach für Menschen, die eine weite, einsame Welt unter einem schnell ziehenden, windigen Wolkenhimmel über alles lieben – sprich: Für mich!
Sonntag, 15. Mai 2011
In Britain again {3} – Dartmoor
In Britain again {2} – Bath
Bath – was für eine Stadt! Nein, wir können es einfach nicht lassen und müssen immer wieder hierher zurück kehren. Dieser Ort ist so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Inzwischen kennen wir jede Strasse und Gasse, haben jeden vom älteren bis jüngeren John Wood lustvoll im hellen Cotswold-Stein erbauten Crescent und Circus durchmessen, alle verschlungenen Pfade der grosszügigen Parkanlagen, Gärten und Friedhöfe entdeckt und sind trotzdem bei jedem Besuch erneut verzaubert und fasziniert. Dass Bath Pflichtdestination für alle Jane Austen Groupies ist, über die einzigen heissen Quellen Englands verfügt und von den Römern bereits 60 n. Chr. als Bade- und Kurort auserkoren wurde, war und ist für uns eigentlich nebensächlich. Schliesslich lebte Austen hier nur gerade während sechs unproduktiver Jahre und für römische Bäderkultur gibt es eindrücklichere Reiseziele. Es ist das grossartige Gesamtbild mit der äusserst angenehmen Lebensqualität dieser Stadt; die vielen kleinen Restaurants, Pubs und Geschäfte, die einladende Nähe zur Natur mit verträumten Spazierwegen entlang von Kanälen und dem River Avon und der - trotz Touristen - beschaulichen Ruhe einer Kleinstadt, die unsere Liebe für Bath immer wieder aufs Neue zu erwecken vermag. Immer eine Reise wert!
Essen in Bath: «Demuths Restaurant»
Dienstag, 3. Mai 2011
In Britain again {1}
Sonntag, 20. März 2011
Sehnsucht-Destination {4} «Cane Hill»
In der Silvesternacht vor zwei Jahren, hielt ich Bluebell einen euphorischen Monolog über meine selbst diagnostizierte «Asylum-Manie» und erzählte Ihr von Cane Hill, einer von über 100 Kliniken für Geisteskranke, die im betreffenden Zeitraum erbaut wurden um gutes zu tun und die erbärmlich überfüllten Armenhäuser zu entlasten. Das 1882 in der Nähe von Coulsdon eröffnete Irrenhaus, steht seit 1992 verlassen mitten in der wundervollen Landschaft Surreys und wurde seither zu einem Mekka für Urban Explorer und – leider auch – für Vandalen. Ein Grund, weshalb ich auf dem Internet eine Vielzahl von Bildern, Filmchen und Berichten gerade über diese Institution gefunden habe und auf sie aufmerksam wurde. Nun, als Bluebell den Namen «Cane Hill» hörte, griff sie beherzt in unsere Musiksammlung und hielt mir «Hopeless Cases» von Anne Clark unter die Nase. Anne Clark arbeitete zeitweise als Krankenschwester in Cane Hill und sah sich durch ihre dort gemachten Eindrücke wohl dazu bewogen, dieser Klinik und ihren Insassen ein Lied zu widmen. Der perfekte Soundtrack um geistig durch die mit abgelbätterter Bleifarbe, Scherben und Regenpfützen bedeckten Gänge dieses altehrwürdigen Gebäudes zu wandeln.
Cane Hill hatte – wie viele Irrenhäuser – auch seine halbwegs prominenten Insassen. So waren Charles Chaplins Mutter Hannah und die Brüder von Michael Cane und David Bowie mehr oder weniger freiwillige Patienten. Auch bei Bowie selber scheint ein Besuch Spuren hinterlassen zu haben. So findet man die unverwechselbare Fassade des Administrations-Gebäudes von Cane Hill auf dem Cover von «The Man Who Sold The World».
Cane Hill bleibt leider auf Ewig eine Destination der Sehsucht. Inzwischen wurde der riesige Gebäudekomplex dem Erdboden gleich gemacht, um einer weiteren, gesichtslosen Reihensiedlung Platz zu machen. Noch steht die imposante Kapelle, doch der berühmte Verwaltungsblock mit seinem Uhrentürmchen wurde letzten November ein Raub der Flammen. Leb wohl, Cane Hill.
Einen Wunsch hege ich noch: Falls jemand beim durchstöbern eines englischen Flohmarktes zufällig auf den Nursing Badge von Cane Hill stossen sollte – kaufen, mir überreichen und ewig von mir geliebt werden...
© Bilder by: Simon Cornwell, Abandoned Britain, Andre Govia, Howzey
Labels:
Curiosities,
Eye-Catcher,
Inspiration,
Nostalgia,
Urban Exploration
Dienstag, 8. März 2011
Apokalyptische Tabernakel für den Heimaltar.
Wer kennt das nicht? Man lässt nach langer Wegsuche ein sturmgepeitschtes, trost- und gottloses Hochmoor hinter sich und betritt zum ersten Mal sein von einem unbekannten aber steinreichen Onkel geerbtes Manor House. Nach einer ausgedehnten Besichtigungstour durch die 48 Zimmer des Hauses, findet man sich unverhofft in der zwischen Bibliothek und Küche geschickt verborgenen Hauskapelle wieder. Die Einrichtung ist spärlich und man stellt schnell fest, dass der ehemalige Besitzer im schmucklos-wurmstichigen Tabernakel statt geweihter Hostien seine vor dem Hausdrachen versteckte Whiskey-Sammlung gehortet hat. Für einen überzeugten katholisch-anglikanischen Atheisten ist ein solcher Frevel unerhört und man beschliesst, das schändlich entweihte Möbel sofort durch einen adäquaten Neuerwerb zu ersetzten. Doch woher nehmen und nicht stehlen?
Hier kann nun geholfen werden. Kris Kuksi's altarähnliche Apokalyptik-Gebilde dürften die Herzen aller Schattenwesen – von Poe über Shelley bis Lovecraft – höher schlagen lassen und die nächste Messe zur Anrufung des grossen Cthulhu wahrlich bereichern. Auch an unsere Zeitgenossen mit einem ausgeprägten christlichen Sendungsbewusstsein wurde gedacht. Das «mobile Gotteshaus» (Abb. 4) dürfte ein willkommenes Vehikel für die kommende Missionsarbeit im nahen Osten sein...
Mehr von und zu Kris Kuksi (©).
Donnerstag, 3. Februar 2011
Molotowcocktails der stimmungsvollen Art
Ursprünglich wollte ich unbedingt Apotheker werden und hatte mich deshalb schon von Kindesbeinen an um die adäquate Einrichtung meiner zukünftigen Geschäftsräumlichkeiten gekümmert. Durch meine mangelhaften Leistungen in der Schule, habe ich es schlussendlich leider nur zum Grafiker gebracht. So ist die bis heute angehäufte Sammlung unzähliger, alter Apothekerflaschen die einzige, stattliche Zeugin meines gescheiterten Jugendtraums.
Wer bis anhin, beim Durchstöbern von Flohmärkten, auf seiner Flaschensuche erfolglos blieb, kann sich nun einen leuchtenden Ersatz in die gute Stube holen. Abgüsse diverser Gefässe aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert in Bienenwachs sind ein praktischer Ersatz. Vorteile: Dank ihrer durch die Brenndauer begrenzten Lebenserwartung, brauchen die Honigduft-Fläschchen nur vorübergehend Platz und müssen garantiert nicht abgestaubt werden.
Das 17 unterschiedliche Kerzen umfassende Set gibt es für 95 $ bei Etsy.com zu kaufen.
Barbie The Ripper
Spätestens seit «Bondage-Ken» – dem Knüpfwunderwerk einer lieben Freundin – weiss ich, dass man den Barbie-Puppen nicht nur das lange Blondhaar kämmen und unter das Röckchen blicken kann. Im Internet lassen sich unendlich viele Beispiele der vergnüglichen Zweckentfremdung finden. Stellvertretend sei hier die «7th Annual Altered Barbie Exhibit» genannt. Der «getunte» American-Mädchentraum wurde nun durch die eindrücklich inszenierten Fotografien von Mariel Clayton definitiv zur Kunstform erhoben. Sogar der gemeuchelte Monsieur Marat (Jacques-Louis David, 1793) findet sich neu interpretiert im Portfolio. Ein wahres Puppenstubenglück für den Erwachsenenhaushalt.
Mehr von Mariel Clayton (©) gibt es hier.
Abonnieren
Posts (Atom)
































