Sonntag, 7. Februar 2016

Fragile Schönheit



Wundervoll, wenn Ästhetik neu interpretiert wird. Fern ab von dem wofür wir sie allgemeingültig halten. Frei nach C.S. Lewis: «Wir möchten nicht nur Schönheit sehen – wir wünschen uns etwas anderes, das kaum in Worte gefasst werden kann. Etwas das mit ihr vereint, uns in sie eindringen lässt. Um in ihr zu baden, um Teil von ihr zu werden.» Es ist die Zutat des Makels – unsere eigene Fremde, unliebsame Erfahrungen, Erinnerungen, Abgründe, unser innerstes Unbehagen – die Schönheit erst faszinierend und anziehend macht. Alles andere wäre nur Kitsch.

Die amerikanische Künstlerin Kate Macdowell schafft es in absoluter Perfektion, diesen Gedanken sichtbar zu machen. Nicht nur durch ihre einzigartige Bildsprache, sondern auch durch die Wahl des Materials: Feinstes Porzellan. In neutralem Weiss, formvollendet, zerbrechlich und zeitlos schön, versöhnt es uns beim Betrachten mit der irritierenden Erkenntnis, dass was wir bis anhin für abstossend gehalten haben auch anziehend wirken kann. Eine Entdeckung die uns auf uns selber zurück wirft und uns die grossartige Chance bietet, das eigene Wertesystem zu überdenken und in eine neue, eigene Vorstellungswelt zu finden. So wird Kreativität geboren.


Mehr von Kate Macdowell



Sonntag, 13. September 2015

Vergängliches Laboratorium



Meine begeisterte Verehrung alter Apotheken und verstaubter Laboratorien – mit ihren fleckigen Fläschchen, Porzellandosen, Mörsern und Glaskolben – ist seit meiner Kindheit ungebrochen. In Gedanken atme ich immer noch den in ihnen wohnenden ernsthaft-herben Duft nach vergangenem Forschergeist, Wissen und dem steten Willen der Natur alle Geheimnisse zu entlocken. Früh musste ich mir eingestehen, dass mein Traum, einmal selbst Teil dieser einzigartigen Welt zu werden, leider nie in Erfüllung gehen würde und so beschloss ich, mich wenigstens mit ihren gläsernen Gefässen und Gerätschaften zu umgeben. Das Resultat war eine umfangreiche Sammlung, die bis heute die Regale unseres Zuhauses bevölkert. 

Reine Staubfänger ohne Nutzen sind mir ein Dorn im Auge und schreien danach einem neuen Zweck zugeführt zu werden. Dass von dieser Überzeugung getrieben, auch einmal die betreffende Sammlung gnadenlos einer «Sinnsuche» unterzogen werden wird, war nur eine Frage der Zeit. In meinem neuen Projekt, wurde also einem in die Jahre gekommenen Reagenzglashalter ein neues Zuhause gesucht. Ab sofort erfüllt er als sechsteilige Vase und vergängliches «Blüten-Laboratorium» seinen Dienst und ziert den viktorianischen Glasdom auf unserer Schlafzimmerkommode.



Sonntag, 30. August 2015

Grey Beauty




Vier frühe Morgen und schweisstreibende Abende hat mein Renovierungsprojekt Nr. 1 dieses Sommers in Anspruch genommen. Ablaugen, Festschrauben, Verleimen, Verspachteln, Schleifen, Anpinseln, Staubfressen und die durch Lackdämpfe verursachten Delirien Geniessen. Danach war die Metamorphose einer alten Kommode in bäuerlicher Schattenexistenz zu bürgerlicher Grandezza abgeschlossen. Das zu neuem Glanz verholfene Möbelstück fügt sich nun sanft und unaufdringlich in die erholsamen Grautöne unseres Schlafzimmers ein.

Sonntag, 16. August 2015

Das wachende Auge der Nacht



Meine erste Reise nach Wien habe ich mit 17 Jahren unternommen. Eine in milchiges Morgenlicht getauchte Stadt, die mich mit kaltem Herbstwind, dem Duft von Backwaren und einem einzigartigen Charme aus Geschichtsbewusstsein, Gastfreundschaft, Lebenslust und einer Prise Morbidität sofort und für alle Zeiten für sich gewinnen konnte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Durch die, in den frühen Stunden meiner Ankunft beinahe noch menschenleeren Häuserschluchten wandernd, stiess ich in der Blutgasse, irgendwo hinter dem Stephansdom, auf einen kleinen Laden. Sein Angebot liess das Herz eines vom Übersinnlichen, Geisterhaften und Jenseitigen begeisterten Jünglings höher schlagen. So kam es, dass ich hier meine ersten, sauer ersparten Schillinge für Bücher, Amulette und eine Kassette mit dem rätselhaften Namen «The Secret Eye of L.A.Y.L.A.H.» ausgab. Sie enthielt Musik, gespielt auf menschlichen Schädeln und Knochen, die eine unvergleichlich merkwürdig-magische Stimmung in mir hervorrief und mich bis heute fasziniert. Ein idealer Soundtrack für einen Besuch auf dem Wiener Zentralfriedhof an kühlen Oktobertagen.

Beim durchstöbern meiner alten Musiksammlung stiess ich letzthin wieder einmal auf den weinroten, mit kabbalistisch anmutenden Symbolen verzierten Tonträger und fragte mich – wie schon damals – was es denn wohl mit dem geheimen Auge dieser «Laylah» auf sich hätte und welche Bedeutung ihr Name besitzen würde. Nach einer kurzen Recherche weiss ich nun endlich, dass der Begriff «Laylah» sowohl aus der jüdischen Mythologie wie auch aus dem arabischen Raum stammt und – je nach Quelle – für einen weiblichen «Engel der Nacht» oder schlicht für «Nacht» steht.

Als geständiger Nachtmensch – der oft in den stillen Augenblicken wenn alles ruht in Euphorie gerät und sich in seinem Atelier bei suizidaler Musik, Rauchschwaden und Rotwein-Delirien mit allerlei Projekten die zeitlosen Stunden um die Ohren schlägt – benötige ich jemanden der über mich wacht. So lag der Entschluss nahe, Laylah in meine vier Wände zu bitten und ihr wie auch meiner Erinnerung an den ersten Morgen in der Donau-Stadt ein kleines, eingerahmtes Artefakt zu schenken.

«LAYLAH'S EYE»
Modeliermasse, Papiermasché, Acrylfarben, Metallrahmen, Fleischerfaden


Einer der Arbeitsschritte, um dem Auge Leben einzuhauchen: Reliefaufbau hinter dem Bild und Glanzlackierung des Augapfels. Es entsteht die Illusion, dass «Laylah» dem Begleiter beim Vorbeigehen nachschaut.

Vor Reliefaufbau


Nach Reliefaufbau


Leila Ida Nerissa Bathurst Waddell
also known as «Laylah»
Muse des Aleister Crowley


Montag, 10. August 2015

Das kleine Universum des John Frame


Surreal, unerklärbar, merkwürdig, wundervoll. Einfach in ein kleines und zugleich grossartiges Universum eintauchen – nur um danach ratlos aber verzaubert wieder an die Oberfläche zurück zu kehren. Manchmal bedarf es nicht vieler Worte, sondern nur einem Paar Augen und Ohren…

Fragmente aus einem noch nicht vollendeten Animationsfilm von John Frame.

Sonntag, 5. Juli 2015

Etwas Ruhe an heissen Tagen



« YOU ARE THE SILENCE I TURN TO
WHEN EVERYTHING ELSE GETS TOO LOUD.
YOU ARE MY MOON 
IN THE MIDDLE OF THE DAY. »

Pavana



Harold Budd | Robin Guthrie: L'aventure


Samstag, 16. Mai 2015

45 mit Wonne

Der Mai ist Wonnemonat. Während ein Grossteil meiner städtischen Mitbewohner schon längst seine Mäntel, Handschuhe und warmen Socken im Mottenschrank verstaut hat und in freudiger Erwartung eines unbarmherzig nahenden Sommers die wintergebleichten Glieder lustvoll in die Sonne reckt, flüchte ich mich auf die letzten, kühlen Schatteninseln die sich noch bieten. Immer einen respektvollen Abstand zur Gelati essenden, Shorts tragenden Schweissleibchen-Meute haltend, bleibt mir oft nur der Rückzug ins dunkle Innere eines entvölkerten Lokals. Tatsächlich trifft man dort mit etwas Glück oder Vorahnung auf Leidensgenossen, die sich ebenfalls in stoischer Ablehnung dem lärmend-bunten Treiben auf der Gasse entziehen und ihre stille Trauer über den plötzlichen Hinschied von Regen, Wind und Schnee im Alkohol ertränken. Zusammen mit meinem treuen Freund USA tue ich es ihnen gleich. 

Die aufkeimenden Sommergefühle unserer Umgebung verlangen nach dem grösstmöglichen, liquiden Kontrapunkt; einem gezielten Schuss ins Genick der eis- und zuckerbeladenen Mochitos, Hugos, Caipirinhas und Aperol-Spritzereien. Et voilà, wir wurden fündig:



CHATEAU LATOUR 1970

So hat sich zu guter Letzt die Wonne im Mai auch mir erschlossen. Ich bin nicht angetan 1'000 Worte über 0,75 Liter Bordeaux zu verlieren. Der Gentlemen trinkt und schweigt. Vielleicht nur soviel: 1970 geborene haben es in sich. Haben Ecken, Kanten und ein zartes Raucharoma und sind selbst mit 45 durchaus noch liebenswert. Vielen Dank an USA für dieses vorzügliche Geburtstagsgeschenk!