Montag, 10. August 2015

Das kleine Universum des John Frame


Surreal, unerklärbar, merkwürdig, wundervoll. Einfach in ein kleines und zugleich grossartiges Universum eintauchen – nur um danach ratlos aber verzaubert wieder an die Oberfläche zurück zu kehren. Manchmal bedarf es nicht vieler Worte, sondern nur einem Paar Augen und Ohren…

Fragmente aus einem noch nicht vollendeten Animationsfilm von John Frame.

Sonntag, 5. Juli 2015

Etwas Ruhe an heissen Tagen



« YOU ARE THE SILENCE I TURN TO
WHEN EVERYTHING ELSE GETS TOO LOUD.
YOU ARE MY MOON 
IN THE MIDDLE OF THE DAY. »

Pavana



Harold Budd | Robin Guthrie: L'aventure


Samstag, 16. Mai 2015

45 mit Wonne

Der Mai ist Wonnemonat. Während ein Grossteil meiner städtischen Mitbewohner schon längst seine Mäntel, Handschuhe und warmen Socken im Mottenschrank verstaut hat und in freudiger Erwartung eines unbarmherzig nahenden Sommers die wintergebleichten Glieder lustvoll in die Sonne reckt, flüchte ich mich auf die letzten, kühlen Schatteninseln die sich noch bieten. Immer einen respektvollen Abstand zur Gelati essenden, Shorts tragenden Schweissleibchen-Meute haltend, bleibt mir oft nur der Rückzug ins dunkle Innere eines entvölkerten Lokals. Tatsächlich trifft man dort mit etwas Glück oder Vorahnung auf Leidensgenossen, die sich ebenfalls in stoischer Ablehnung dem lärmend-bunten Treiben auf der Gasse entziehen und ihre stille Trauer über den plötzlichen Hinschied von Regen, Wind und Schnee im Alkohol ertränken. Zusammen mit meinem treuen Freund USA tue ich es ihnen gleich. 

Die aufkeimenden Sommergefühle unserer Umgebung verlangen nach dem grösstmöglichen, liquiden Kontrapunkt; einem gezielten Schuss ins Genick der eis- und zuckerbeladenen Mochitos, Hugos, Caipirinhas und Aperol-Spritzereien. Et voilà, wir wurden fündig:



CHATEAU LATOUR 1970

So hat sich zu guter Letzt die Wonne im Mai auch mir erschlossen. Ich bin nicht angetan 1'000 Worte über 0,75 Liter Bordeaux zu verlieren. Der Gentlemen trinkt und schweigt. Vielleicht nur soviel: 1970 geborene haben es in sich. Haben Ecken, Kanten und ein zartes Raucharoma und sind selbst mit 45 durchaus noch liebenswert. Vielen Dank an USA für dieses vorzügliche Geburtstagsgeschenk!



Sonntag, 22. März 2015

Frösche und urbane Legenden



Wer erfolgreich dazu überredet wird, einem Unterhaltungsabend mit mehrheitlich unbekannten Pärchen beizuwohnen, ist nicht zu beneiden. Von Anfang an wird man sich dem Dilemma einer grundlegenden Entscheidung stellen müssen. Trinke ich mir nun die aufgezwungene Gesellschaft schön und nehme tapfer die schmerzvolle Aufarbeitung daraus resultierender Fehltritte und Ausrutscher in Kauf – oder – werde ich mich mutig dem Ansturm immer gleicher Smalltalk-Kaskaden stellen? Fällt die Wahl, trotz besseren Wissens, auf das letztere, muss man sich auf viel unangenehmeres als die verzweifelte Suche nach belanglosen Themen gefasst machen: Die peinliche Stille wenn alles gesagt wurde. Dieser begegnen Gastgeber nämlich gerne mit der Einladung zu einem kurzweiligen Spiel – oft ein gegenseitiges Messen des über Jahre mühsam angeeigneten Allgemeinwissens. Nun bedarf es einer schnellen Reaktion. Die einzige Möglichkeit etwas Vergnügen zu erfahren und sich keine Blösse zu geben, besteht darin, bereitwillig die Rolle des Spielleiters einzunehmen. Bietet dies doch die einmalige Chance andere schlecht dastehen zu lassen während man selber durch anspruchsvolle Fragestellungen brilliert. Besonders hinterhältig ist es, sich dabei urbaner Legenden zu bedienen. Es gibt keinen wirkungsvolleren Weg das Halbwissen der Mitspieler an den Pranger zu stellen.

Ein Beispiel gefällig, über das ich letzthin selber gestolpert bin? «In welchem Märchen der Gebrüder Grimm wird ein Frosch geküsst und verwandelt sich darauf in einen Prinzen?» Selbstverständlich kennen wir alle die Antwort, schliesslich bezieht sich die Frage ja auf die wohl bekannteste Erzählung der Märchenwelt. Doch wird mit Sicherheit ein Grossteil von uns falsch liegen. Denn in keiner grimmschen Fassung findet sich auch nur die leiseste Andeutung eines Kusses. Stattdessen wird die Amphibie erst durch einen lieblosen Wurf an die Wand in einen küssenswerten Jüngling verwandelt. Ganz ehrlich, auch ich habe diesen politisch unkorrekten Gewaltakt gegen ein schutzloses Tier unbewusst verdrängt und bereitwillig der in Verfilmungen und auf Märchenkassetten verbreiteten, kindergerechten Metamorphose durch eine Zärtlichkeit den Vorzug gegen. Irritiert habe ich mir die bange Frage gestellt, was wohl aus dem armen Froschkönig geworden ist, der durch eine urbane Legende fehlgeleitet, ewig auf die Prinzessin mit dem Erlösungskuss wartet. Er würde längst luftgetrocknet auf einem Seerosenblatt am Rande des Teiches sitzen. Die Augen für immer geschlossen und den Mund erwartungsvoll in die Luft gereckt.

Dieses Bild hat mich mit grossem Mitleid erfüllt. Gibt es doch so manchen unscheinbaren Lurch unter uns, der schon ewig auf die Verwandlung durch eine liebreizende Prinzessin hofft. Ich möchte an die Scharen dieser Ungeküssten erinnern und habe ihnen ein kleines Denkmal gesetzt:

«NEVER BEEN KISSED»
Mumifizierter Frosch mit Metallkrone und Spielkugel auf Seerosenblatt.
Tierpräparat, Draht, Papiermaché, Wachs und Acrylfarbe




Und für alle die daran zweifeln, dass selbst die Erschaffung kleiner «Denkmäler» oft übermenschlich grosse Anstrengungen erfordern, hier meine Anleitung zur Herstellung eines Seerosenblattes.

[1]


Blattform aufzeichnen, Seidenpapier in 6 Lagen der Form entsprechend zuschneiden.
Draht für die Blatt-Mittelrippe, die Seitenrippen und den Stil in die passende Länge bringen 
und mit Metall-Leim gut verkleben. 

[2]


Seidenpapierblätter auf der Oberseite der Drahtrippen in 4 Lagen, auf der Unterseite in 2 Lagen
mit Kleister vorsichtig aufkleben.

[3]


Nach dem Trocknen mit Acrylfarbe in einem hellen Ton grundieren.
Wachs in einer feuerfesten Form auf Kochplatte oder ähnlichem so stark erhitzen, dass dieser leicht zu rauchen beginnt. Beide Blattseiten in den Wachsdampf halten.
Blatt abkühlen lassen und Vorgehen wiederholen, bis sich eine dünne Wachsschicht gebildet hat.

ACHTUNG FEUERGEFAHR! 
Bei zu starker Erhitzung und Unreinheiten im Wachs kann dieser Feuer fangen. Unbedingt eine feuerfeste Abdeckung für das verwendete Gefäss bereit halten, um allfällige Flammen schnell ersticken zu können. Niemals mit Wasser zu löschen versuchen. Anwendung auf eigene Gefahr.

[4]


Definitive Koloration auftragen. Bei helleren Blattstellen die bereits aufgetragene Grundierung
durchscheinen lassen.

[5]


Abschliessend auf der Blattoberseite nochmals eine dünne Schicht Wachs aufdampfen.
(Siehe unter [3] – Feuergefahr)
Mit Mikrofasertuch die Oberfläche polieren und gegebenenfalls etwas nachkolorieren.

Zeitaufwand: Mindestens 12 Stunden ohne Trocknungsprozess

Samstag, 21. März 2015

Der Duft einer stillen Nacht



Gerüche wirken unmittelbar. Ein Hauch nahenden Schneefalls, frisch gebackenen Brotes oder im Dunkel blühenden Jasmins – Düfte wecken unsere Erinnerungen und Sehnsüchte, inspirieren oder irritieren, können uns beruhigen, berauschen, erregen aber auch abstossen. Sie überwinden mit Leichtigkeit unsere Selbstkontrolle, umgarnen oder warnen uns und spielen mit unseren Gefühlen, ob wir dies nun wollen oder nicht. Ihre Kraft und Macht hat mich immer schon fasziniert. 

Die Fertigkeit einen Geruch einzufangen, zu konservieren und in ein Fläschchen zu füllen, halte ich für eine grosse Errungenschaft der Menschheit. Essenzen sind ein Schlüsselbund in das labyrinthische Pfortengefüge unseres Unterbewusstseins. Eine Entführung auf Abruf und Zeit. Sie so zu kombinieren dass sie in uns einen Bildersturm hervorrufen, ist eine wahre Kunst, die – leider – nur ganz wenige von uns beherrschen. Zu viele schlecht komponierte Parfüme, arglos auf den Markt geworfen, beleidigen täglich unsere Nasen und ohne es zu wissen, diejenigen die sie tragen. Persönlichkeit und Stil sind kein Markenentscheid, sondern ein Prozess der Selbstfindung und dieser lässt sich nicht durch das zu schnelle Ziehen der Kreditkarte beschleunigen. So sollte alles, womit wir uns umgeben, stets sorgfältig gewählt sein und unserer Lebensgeschichte und innersten Wahrnehmung entsprechen. Auch wie wir riechen.

Unverhofft begegnete ich eines Tages «Hinoki». Klein und ganz schlicht verpackt, wirkt es wie ein Mauerblümchen im goldgeprägten, barocken Reigen all der wuchtig klingenden Markenparfüme. Auf den ersten Blick ist seine Herkunft eher fragwürdig. Wurde es doch im Auftrag des Lifestyle-Magazines «Monocle» kreiert. Ein zumindest gestalterisch missratenes Kind aus dem Design-Universum des Tyler Brûlé. Die wahre Schöpferin hinter «Hinoki» ist das Label «Comme Des Garçons», respektive ihr Parfümeur Antoine Maisondieu. Dieser Umstand verspricht zumindest eine solide Qualitätsarbeit. Zu meiner grossen Freude ist «Hinoki» aber weitaus mehr. Fernab des modisch-trendigen Einheitsbreis, steht dieser Duft so angenehm ungefällig und quer in der Landschaft, dass ihn wohl die wenigsten von uns auf Anhieb lieb gewinnen können. 

«Hinoki» ist einzigartig, irritierend, wundervoll. Zunächst wähne ich mich in einem Kiefernwald, das Gesicht tief in Bündeln morsch-rauchigen Holzes vergraben. Dann ziehen unvermittelt Wände hoch. Ich schreite über knarzende Dielen in ein dunkles Atelier. Hier riecht es nach Terpentin, Staub, alten Büchern und längst verglühtem Weihrauch. Ein Raum, in den man sich zurückzieht, um einsam glücklich zu sein. Zuletzt entschwebe ich durch ein Fenster in eine ferne, neblig-feuchte Mooslandschaft und verliere mich in wohltuender Stille. Ein Duft für die Nacht. Dann wenn alles Leben ruht, der Alltag schweigt und die späten Stunden durchwacht, einzig und alleine mir gehören. Geisterhaft, geheimnisvoll und auch etwas morbide, ist er mein Begleiter um in diesen zeitlosen Momenten die Fantasie schweifen zu lassen und meinen Gedanken nachzugehen. Ja – im Dunkel kann man sich auch geborgen fühlen. Wahrlich, ein Parfüm für schlaflose Nachtmenschen, die keiner Gesellschaft bedürfen um vollkommen zu sein.


Donnerstag, 17. Januar 2013

Süsse Früchtchen


Bisher hielt ich die Quitte für ein schrecklich langweiliges Obst. Alle hartnäckigen Versuche besorgter Mitmenschen, mich mit Gelée, Chutney und Quittenkonfekt aus der heimischen Giftküche umstimmen zu können, fruchteten nicht. Ich blieb felsenfest der Überzeugung, dass nicht nur das gelbe, pelzig-fleckige Äussere wenig ansprechend sei, sondern fand auch ihren Geschmack bieder und nichtssagend. Deshalb hielt sich meine Begeisterung eher in Grenzen, als ich, nach einem Umzug meines Ateliers, vier Bäumchen im Vorgarten der neuen Adresse fand, die sich nach einem langen Sommer ächzend unter dem Gewicht unglaublich vieler Quitten bogen. Mit leichtem Grauen erfüllte mich der Gedanke, dass dieses ungeliebte Obst wohl auch geerntet und verarbeitet werden sollte, bevor es faul von den Ästen zu fallen drohte. 

Böse Zungen werden nun behaupten, mir so gut wie alles schmackhaft machen zu können, sofern es alkoholhaltig sei. Auch wenn ich dem mit aller Entschiedenheit nicht widerspreche, erschien mir doch die rettende Idee meines geschätzten Atelierpartners, die Ernte unter zur Hilfenahme eines alten Familienrezeptes in Likör umzuwandeln, tatsächlich als das kleinste Übel. Und so wurden leere Fässer, volle Wodka-Flaschen und ganze Zuckerberge heran gekarrt; die Quitten geschrubbt, brachial zerteilt, wochenlang gerührt und schliesslich gefiltert. Ein mühsames, klebriges Unterfangen, dass mich in all meinen Vorurteilen noch bestärkte. Doch dann kam es wie es kommen musste – dann kam der erste, jungfräuliche Schluck und damit eine unmittelbare Erleuchtung: Ich wähnte mich im Quitten-Himmel, schwebte durch einen sonnendurchfluteten Herbst-Garten und landete sanft auf einem Wölkchen honigsüsser Früchte. Was mir da im Glas wundervoll golden entgegen blitzte, war so unwiderstehlich liebreizend und süffig – ich würde dafür manchen Sauternes stehen lassen. Damit war die Quitte auf einen Schlag rehabilitiert und ich verbeuge mich auch heute noch in tiefer Zuneigung vor ihr.

Wer den «Original Stadtbärner Quittenlikör» nicht gekostet hat, dem fehlt – wohl oder übel – ein ganzer Kontinent in der Genusswelt. Bereit für eine verführerisch-süsse Neuentdeckung?

«Original Stadtbärner Quittenlikör» erhältlich über culinahrium.ch

Dienstag, 6. November 2012

Vom Irrenhaus ins Märchenland

Irrenanstalt Münsingen 1895

Park PZM Münsingen

Zwischen Giessen und Aare

Auenlandschaft an der Aare

Die Elfenau bei Bern

November oh November – ich musste elf lange Monate auf dich warten und nun bist du endlich da! Du bist das fallende Laub – windgepeitscht durch wolkenverhangene Himmel; du bist der Duft gerösteter Kastanien und frischen Mooses auf feuchten Waldböden; du bist der unabwendbare Abschied vom laut-grellen Sommertreiben und der inszenierten Lebensfreude; Du bist die Zeit des in sich Kehrens und zur Ruhe Kommens, die Zeit für düstere Geschichten, Zwielicht und Melancholie und Du bist das Gift für Menschen ohne Träume, Sehnsucht und Phantasie. Am liebsten würde ich dich umarmen und verschlingen, meine Nase tief in dir vergraben und jede deiner Stimmungen restlos auskosten. Also – raus in den Herbst.

Verlasse die warme Stube, wenn es alle anderen vorziehen zuhause zu bleiben – nur dann gehört die Welt alleine Dir! Das habe ich mir gesagt und beschlossen, meinen Spaziergang bei Wind und Wetter dort zu beginnen, wo niemand sonst freiwillig seinen Fuss hin setzt: In Münsingen bei Bern. Zugegeben, jeder Münsinger wird mir unaufgefordert widersprechen, doch der schönste Ort in dieser Gemeinde – eingeklemmt zwischen der Hauptstadt der Eidgenossen und Thun, dem Tor zum Oberland – ist die 1895 eröffnete und noch immer in Betrieb befindliche Irrenanstalt (oder politisch korrekter das «Psychiatriezentrum»). Während im Ausland die in der viktorianischen Ära gebauten, riesigen Gebäude-Komplexe vergleichbarer Institutionen abgerissen, umgenutzt oder ausgeweidet dem Zahn der Zeit und der Zerstörungswut der Vandalen überlassen werden, findet man in Münsingen viel Original-Bausubstanz mit einem beinahe unveränderten Grundriss. Bei jedem Schritt durch den die Anlage umgebenden, öffentlich zugänglichen Park, beschleichen mich Bilder aus der Geschichte des Gebäudes und der Leben und Schicksale seiner einstigen und heutigen Insassen. Ein perfekter Rahmen um seinen November-Gefühlen freien Lauf zu lassen – immer im Bewusstsein, dass ich froh sein kann vor und nicht hinter den hohen Mauern zu stehen. Weiter geht es zurück in die Natur. Entlang der sich  durch undurchdringliches Dickicht und graues Moorland schlängelnden Giessen, bis zur gemächlich fliessenden Aare. Schlingpflanzen, Dornbüsche und Weidenäste greifen nach mir, feuchte Blätter klatschen ins Gesicht, hier ein Schritt in den Morast, dort ein stolpern über rutschige Wurzeln – meine Erkundungstouren in die Wildnis der Uferauen und Riedlandschaften sind ein wahrer Genuss. Es riecht nach wilder Pfefferminze, Pilzen, kalter Erde und faulem Wasser. Am Himmel ziehen dunkle Wolken, ein starker, süsslich nach Schnee duftender Wind treibt Regen und Sonne zugleich über mich hinweg. Einmal versinkt die Welt in finstere Dämmerung, dann lodern die Farben des Herbstes in warmes Licht getaucht auf. Gut und gerne vier Stunden wandere ich berauscht, von Zeit und Alltag vergessen, durch ein Herbstmärchen und erreiche schliesslich – wie passend – die «Elfenau», das Ziel meines Spazierganges. Auch wenn die Füsse schmerzen, die Schuhe eher aus Schlamm denn aus Leder bestehen, das regennasse Haar am Schädel klebt und nur noch der Wunsch nach einer heissen Tasse Tee besteht: November – nun bin ich ein Teil von Dir.